Montag, 9. Mai 2016

Fliegende Finger, schwebende Stimme, atemlose Stille - das war "Bella Italia"

Meine Güte, war das schööön! Selbst jetzt beim Schreiben dieser Zeilen - mit neunzehn Stunden zeitlichem Abstand zum Muttertagskonzert - steigt in mir Rührung auf. Nicht nur ich* war überwältigt von den musikalischen und technischen Spitzenleistungen unserer drei Künstler/innen Carmen Fuggiss, Christine Balke und Christian Zimmer - meine Tischnachbarn äußerten sich ähnlich begeistert. Und dass das gesamte Publikum in atemloser Stille nach mehreren Musikstücken nicht sofort zu klatschen wagte, sprach Bände. Selbst die anwesenden (Klein-)Kinder waren mucksmäuschenstill.


Ich habe sie noch im Ohr, die lupenreine helle Stimme der Koloratursopranistin Carmen Fuggiss. Mehr als einmal staunte ich, dass sich die Stimme dieser ausdrucksstarken Sängerin scheinbar von ihrem Körper gelöst hatte und selbstständig im Raum zu schweben schien. Das waren die Momente, in denen ich mir verstohlen ein paar Rünrungstränen aus dem Augenwinkel wischte. Auch wenn sie nicht sang, sondern uns mit ihrer volltönenden Sprechstimme Interessantes zu den folgenden Stücken erzählte, stand sie als große Künstlerin vor uns. Überhaupt: Wie sie ihre Lieder mit Gestik und Mimik untermalte! Ich gahe davon aus, dass sie die italienischen Texte nicht etwa perfekt auswendig gelernt hatte sondern den Sinn der Worte hundertprozentig verstand. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, den Inhalt der Lieder dank der schauspielerischen Leistung von Carmen Fuggiss trotz meiner Unkenntnis der italienischen Sprache vom Sinn her nachvollziehen zu können. Die hervorragende Sängerin verwöhnte uns mit bekannten und weniger bekannten Liedern und Arien und verstand es, auch solche "Ohrwürmer" wie die Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen oder die Caprifischer so zu singen, dass das Publikum zwar emotional mitging (und bei letzterem sogar ausdrücklich zum Mitsingen aufgefordert war), aber nie in schunkelnde Schlagerstimmung verfiel.




Ich sehe sie noch vor mir, die rasend flinken Finger der Cellistin Christine Balke - unglaublich die Geschwindigkeit, in der sie auch die höchsten Töne treffsicher erreichte. Sehr beeindruckend auch der schnelle Wechsel zwischen dem "normalen" Spiel des Cellos (also dem Streichen der Saiten mit dem Bogen) und dem Pizzicato (dem Zupfen der Saiten mit den Fingern - was ich persönlich sehr gerne höre). Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das große Vergnügen, Die Figaro-Variationen aus dem "Barbier von Sevilla" in einer Fassung von Mario Castenuovo-Tedesco für Cello und Piano zu hören. Es war nicht das letzte Mal. Dieses atemberaubende Stück scheint eigens dafür geschrieben worden zu sein, Pianisten und Cellisten die Gelegenheit zu geben, ihr Können zu beweisen. Wer nicht die Gelegenheit hatte, Christine Balke und Christian Zimmer in Wolfshagen am Harz zu erleben, und das Stück trotzdem einmal hören möchte: Hier gibt es ein YouTube-Video mit dem Kostov-Valkov Duo >>. Verstehen Sie meine Begeisterung? Die selbstverständlich durch das persönliche Hören und Sehen der Künstlerin in der Festhalle besonders groß war.


Ich träume noch den Klängen hinterher, die Christian Zimmer unserem Steinway-Flügel entlockte, als er das Venetianische Gondellied von Felix Mendelssohn.Bartholdy (Opus 30, Nr.1) so wunderbar einfühlsam für uns spielte. Hach, wer wäre dabei nicht gern mit dem oder der Liebsten durch Venedig gegondelt... Christian Zimmer ist aus Wolfshagen im Harz ja mittlerweile nicht mehr wegzudenken - so oft hatten wir bereits das Vergnügen, ihn in unseren Konzerten zu erleben. Es ist für mich immer wieder beeindruckend, mit welchem Talent er die Signale der mit ihm Musizierenden aufnimmt und dafür sorgt, dass alle in gleichem Rhythmus und Tempo zur exakt gleichen Zeit spielen. Das klappt sogar, wenn - wie gestern zum Beispiel - die Cellistin mit dem Rücken zu ihm sitzt. Und, lieber Christian Zimmer, auch wenn Sie bescheiden behauptet haben, die Figaro-Variationen aus dem "Barbier von Sevilla" (s.o.) seien für den Pianisten nicht so schwer zu spielen wie für die Cellistin: Wer Sie gehört und Ihre Finger gesehen hat, weiß, dass auch in Ihrer Rolle ein großer Könner am Werk war.


Es war ein großartiges Konzert. Der Wechsel zwischen Musik und Speisen gab uns die Gelegenheit, über das Gehörte zu sprechen, neue Menschen kennzulernen oder sich mit Bekannten, die man länger schon nicht gesehen hat, zu unterhalten. Das sehr gute Essen (auch in vegetarischer und veganer Variante), die hübsch gedeckten Tische und die bewundernswerte Organisation beim Auf- und Abtragen der Speisen hat die Mittagsstunden in der Festhalle zu einem wunderbar runden Erlebnis werden lassen. Das Berghotel Wolfshagen hat damit auch in diesem Jahr wieder entscheidend zum Gelingen des Konzerts beigetragen.

Vielen herzlichen Dank allen, die uns an diesem Tag so sehr bezaubert oder das Ereignis so gut organisiert haben! Vielen herzlichen Dank unseren Gästen, dass Sie uns durch ihren Besuch beehrt haben - wir freuen uns darauf, Sie bei einem unserer nächsten Konzerte wiederzusehen.



* Autorin Antje Radcke

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